|
David Signer in: Weltwoche Nr. 36.06
Als ich einmal reich und tot war Weder Kaiser Augustus noch ein Gänseblümchen war unser Autor David Signer in seinem früheren Leben. Aber ein Offizier mit staatsfeindlicher Energie. Das jedenfalls kam bei einer vierstündigen «Rückführung» heraus.
In einer Hintergasse auf der Insel Sansibar hatte ich einmal ein intensives Déjà-vu-Erlebnis, und manche Leute sagten mir schon halb im Scherz: Du warst sicher in einem früheren Leben in Afrika. In den letzten paar Jahren erzählten mir einige Bekannte von «Rückführungen» in frühere Leben. Eine Kollegin litt zum Beispiel manchmal an plötzlicher Atemnot, die sich bis zu Erstickungsanfällen steigerte. In einer Rückführung erfuhr sie, dass sie früher einmal in einer Hütte verbrannt war, und offenbar half ihr dieses Erlebnis, das man je nachdem als «Erinnerung» oder «Fantasieerklärung» bezeichnen könnte, die Erstickungsanfälle zu überwinden. Ich will es wissen. Ich gebe «Rückführung», «Reinkarnationstherapie» und «Hypnose» bei Google ein. Unter den zahlreichen Therapeuten, die erscheinen, schreibe ich ein paar an. Einige antworten, sie würden Rückführungen nur im Rahmen einer Therapie durchführen, einige zeigen Interesse, und schliesslich lande ich bei Günther Schumacher in Oberwil-Lieli. Schumacher ist 65 Jahre alt, gebürtiger Deutscher, war ursprünglich evangelischer Pfarrer und studierte später am C.-G.-Jung-Institut in Zürich. Seine Website sieht nicht gar so esoterisch aus wie die von manchen seiner Rückführungskollegen, und auf dem Bild ähnelt er ein bisschen Peter Sloterdijk, listig und ironisch.
Software Seele In einem Vorgespräch bei Tee und Erdbeertörtli fragt er mich nach speziellen Themen und Problemen in meinem Leben, aber ich sage ihm, dass ich aus purer Neugier komme. Ich erkläre ihm auch, dass ich eigentlich nicht an Wiedergeburt glaube oder dass zumindest «Karma» nicht zu den Erklärungen gehöre, die mir bei Problemen jeweils als Erstes zur Hand seien. «Könnten diese angeblichen Erinnerungen an andere Leben nicht einfach eine Art Träume sein?», frage ich ihn. Günther Schumacher bleibt gelassen. «Und dann?», fragt er. «Dann wären sie ja immer noch bedeutsam, so wie eben richtige Träume auch. Sie beeinflussen unser Leben und müssen darum bearbeitet werden.» Früher wurden die Patienten für die Reise in die Vergangenheit richtig hypnotisiert, erklärt er; das heisst, das Wachbewusstsein war ausgeschaltet, und sie konnten sich nachher auch an nichts mehr erinnern. Für eine Therapie, die es auf Durcharbeiten und Bewusstwerden abgesehen hat, bringt das nicht viel. Schumacher, wie die meisten andern Therapeuten in diesem Fach, versetzt die Klienten bloss in einen leichten Trancezustand. «Eine Ellipse mit zwei Brennpunkten» nennt er das, denn man kann dabei die andere Existenz nochmals durchleben, sich dabei aber von aussen beobachten und das Erfahrene mit dem heutigen Leben vergleichen. Er erzählt Beispiele von Therapien. «Eine Frau vertrug sich überhaupt nicht mit ihrer Chefin im Büro. In einer Rückführung erfuhr sie, dass diese Frau sie seinerzeit – in einem früheren Leben – umgebracht hatte; deshalb hasste sie sie immer noch. Wir arbeiteten das durch, und sie versöhnte sich mit ihr. Am nächsten Morgen kam die Chefin ganz freundlich auf sie zu. Obwohl sie nichts von unserer Therapie wusste, hatte die Versöhnung eine unmittelbare Wirkung auch auf sie selbst gehabt.» Er erklärt das Prinzip der Wiedergeburt mit Begriffen aus der Computersprache: Unser Körper sei wie die Hardware, sagt er, aber die Seele sei die Software. Und wie Computersoftware sei sie programmiert und lasse sich von einem Computer in den andern versetzen. «Die Hardware ist austauschbar, weil vergänglich; die Software, die Seele, bleibt die gleiche, denn sie ist unvergänglich.» Schumacher selbst hat vor einigen Jahren unter schlimmen Rückenschmerzen gelitten. In einer Rückführung erfuhr er,dass er einmal von hinten niedergestochen worden war. Ich lege mich auf ein Bett, Schumacher sitzt daneben und versetzt mich mit klassischen Suggestionstechniken in Versenkung. Er lässt mich die Füsse entspannen, sie werden schwer, dann die Unterschenkel und so weiter, bis wir beim Scheitel ankommen. Darauf zählt er langsam von zehn bis eins, und bei jeder Zahl tauche ich in einen tieferen Zustand. Dann muss ich in eine vorbeischwebende Wolke einsteigen, und sie setzt mich mitten in einem Basar wieder ab, vermutlich irgendwo in Nordafrika.
Ein Sprung in der Zeit Ich bin ein Junge von vielleicht fünf Jahren, wohne bei Verwandten, treibe mich aber die meiste Zeit auf den belebten Gassen herum. Meine Eltern sehe ich nur sporadisch; hie und da taucht mein Vater in einer weissen Uniform auf und beschaut sich leicht verächtlich meine schmutzigen, zerrissenen Shorts. Ich weiss, dass er in der Oberstadt ein hübsches Haus mit Veranda besitzt, aber mir ist schleierhaft, warum ich stattdessen in dieser Höhle mit rauchgeschwärzten Mauern leben muss, wo man nicht auf Sofas sitzt, sondern auf Kissen in den Löchern, die man in die Wände gegraben hat. Aber zugleich ist es egal, denn eigentlich amüsiere ich mich nicht schlecht mit den Gewürzhändlern, Marktfrauen, Teehauskunden, Bettlern und Strassenkindern in unserem Viertel. Ich träume davon, später ein gefürchteter Kleinkrimineller zu werden, wie diese Halbwüchsigen, die Richtung Wasserreservoir in einem baufälligen Haus wohnen,dort zusammen geheimnisvolle Pfeifen rauchen und manchmal spätabends geschminkte Frauen die Treppe hinaufführen. Das alles erzähle ich Schumacher fortlaufend, wie ein Fernsehreporter. Nach einer gewissen Weile fordert er mich auf, einen Sprung vorwärts in der Zeit zu machen. In der nächsten Szene bin ich etwa zwölf, verdinge mich als Fremdenführer und besuche abends eine Schule, wo ich Französisch lerne. Manchmal nehmen mich die Reisenden in ihr Hotel mit, und manchmal schicken sie mir später eine Ansichtskarte aus ihrem Land.
Ein bisschen heruntergekommen Ein paar Jahre später trete ich in die Armee ein. Dank meiner Fremdsprachenkenntnisse muss ich nicht wie die andern durch den Dreck robben, sondern kann in einem Büro sitzen, wo ich Depeschen schreibe und einen Morseapparat bediene. Ich bin stolz. Nach zwei Jahren entscheide ich mich, beim Militär zu bleiben, werde nach einiger Zeit zum Offizier befördert und bekomme ein Office im Hafen derselben Stadt. Schumacher fragt mich, was eigentlich aus meiner Familie geworden sei. Stimmt, die habe ich ganz vergessen. «Also, die Schwester ist offenbar in einem Internat irgendwo in Europa, die Mutter ist ebenfalls dort, und der Vater ist Kapitän und kreuzt zwischen den Kontinenten», antworte ich nach einigem Nachdenken. «Da ich nun in meiner neuen Funktion oft mit der Marine zu tun habe, höre ich manchmal von ihm, und gelegentlich tauschen wir Mitteilungen aus, die ich einem andern Seefahrer mitgebe. Dadurch steht er mir näher als früher, aber die realen Kontakte bleiben selten.» Ein paar Jahre später bin ich immer noch in diesem Hafen, ein bisschen gelangweilt inzwischen. Viel Zeit verbringe ich mit den Matrosen in irgendwelchen Spelunken, würfle, trinke oder treibe mich mit leichten Mädchen herum. Tatsächlich bin ich, obwohl ich nun eine weisse Uniform trage wie ehedem mein Vater, ein bisschen heruntergekommen. Ich hatte gehofft, dank meiner Funktion in der Welt herumzukommen, aber ich hatte vergessen, dass es nichts Nationaleres gibt als eine Armee. Und da ich nicht zur Marine gehöre, kam ich zwar bis zum Hafen, aber nicht weiter. Da hätte ich schon bei der Fremdenlegion anheuern müssen. Schumacher fordert mich wieder auf, in der Zeit so weit nach vorne zu gehen, bis sich etwas ändere. Irgendwann finde ich mich auf einem Schiff nach Europa, wo ich meiner Mutter einen Besuch abstatte. Sie wohnt mit meiner Schwester zusammen in einer muffigen, musealen Wohnung. Zwei alte eingebildete Jungfern. Ich habe gedacht, ich könnte sie vielleicht mit meiner Uniform beeindrucken, aber für sie bin ich bloss ein hergelaufener Soldat. Enttäuscht kehre ich in mein Büro in der Bucht zurück.
Die Operation wird schiefgehen Ein paar Jahre später bin ich plötzlich in eine wichtige Operation eingebunden, irgendetwas Schmutziges, ein Hafen soll vermint werden oder so ähnlich. In der Zwischenzeit gab es einen Militärputsch, und ich habe plötzlich ein Büro in der Nähe des Staatschefs. Es ist mir zwar unwohl bei der ganzen Geschichte, aber ich kann bei der Aktion viel Geld beiseiteschaffen. Da ich überzeugt bin, dass die Operation schiefgeht, sage ich mir: Sobald es losgeht, verschwinde ich mit dem Geld. Das tue ich einige Monate später dann auch und setze mich mit einem dicken Koffer auf eine abgelegene Insel ab. Aber leider halten die chaotischen Verhältnisse in meiner Heimat viel länger an, als ich mir gedacht habe, und so sitze ich in diesem Kaff am Ende der Welt fest. Schliesslich nehme ich einen Posten beim Gouverneur an und heirate eine junge Frau aus seiner Familie. Eine Rückkehr nach Hause stellt sich wegen der politischen Situation nach und nach als unmöglich heraus. Zunehmend empfinde ich das Bedürfnis, noch irgendetwas Bedeutsames in meinem Leben zu leisten.Die Chance ergibt sich, als ich dank der Kartografiekenntnisse, die ich während meines Militärdienstes erworben habe, an einer Forschungsexpedition zu den benachbarten Inseln teilnehmen kann. Ich sehe mich schon als eine Art modernen Kolumbus; aber in Wirklichkeit geht es nicht um das Zeichnen von wissenschaftlichen Karten, sondern vor allem darum, das Vorkommen von Bodenschätzen in diesem unbekannten Archipel abzuklären. Eine Art Vorhut für einen Eroberungszug. Wieder warte ich auf eine Gelegenheit, um abzuhauen. Aber dieses Mal ist es prekärer, weil sie mich nicht mit all diesen wertvollen Informationen ziehen lassen, die ich dem Feind verkaufen könnte. Endlich gelingt mir doch die Flucht. Sie führt mich von einer Insel zur andern, schliesslich werde ich gefangen gesetzt und unter Hausarrest gestellt, während meine Frau und die Töchter – gewissermassen als Pfand – an einem mir unbekannten Ort festgehalten werden. Erst nach einer endlosen Odyssee finden wir wieder zueinander; meine Frau ist durch all diese Strapazen sichtlich gealtert, ich vermutlich auch. Zu guter Letzt gehen wir in die Stadt zurück, wo ich aufgewachsen bin. Ich erfahre, dass mein Vater inzwischen pensioniert worden ist und in einer heruntergekommenen Pension in der Nähe haust. Ich suche ihn auf, aber die Begegnung – es sollte die letzte sein – verläuft ebenso desillusionierend wie jene mit Mutter und Schwester. Er ist ein Säufer geworden, mit aufgeschwemmtem rotem Gesicht, fettigen Haaren und einem penetranten, säuerlichen Geruch. Er erzählt unaufhörlich von seinen Heldentaten auf See und prahlt noch weiter, als ich schon lange wieder gegangen bin. Ich übernehme das weisse Haus in der Oberstadt, stelle es wieder instand und verbringe noch ein paar ruhige Jahre dort mit meiner Frau und den zwei Töchtern. Als einer der Ersten im Ort tue ich mir ein Auto zu, aber begnüge mich damit, am Wochenende mit der Familie auf der einzigen guten Strasse in die Stadt hinunter und wieder nach Hause zu fahren.
Ein Unfall, ein Anschlag? Eines Tages jedoch entscheiden wir uns zu einer Fahrt der Küste entlang. Die Serpentinenstrassen sind holprig und staubig. Ich setze die Familie an einem Picknickplatz ab und fahre noch etwas weiter, als es hinter der nächsten Kurve plötzlich knallt. Ein Unfall, ein Anschlag? Durch die Jahre der Flucht, in beständiger Angst, getötet zu werden, bin ich schreckhaft geworden. Vielleicht ist es auch die Armee, die mich gedrillt hat, mich bei jedem ungewohnten Geräusch sofort zu Boden zu werfen. Vielleicht ist es auch ein unbewusster Todeswunsch. Auf jeden Fall reisse ich das Steuer nach links, fahre über die Strasse hinaus, eine Geröllhalde hinunter, das Auto überschlägt sich mehrmals und stürzt schliesslich ins Meer. Langsam sinke ich im blaugrünen Wasser, ich denke: Ich sollte strampeln, einen Effort machen,aber zugleich bin ich unendlich müde und möchte mich nur fallen lassen. Am Ende berühre ich den Grund, ich sehe den schwarzen Oldtimer neben mir. «Dieses idiotische Auto», denke ich noch, dann wird der Film ausgeknipst, und es wird dunkel. Aber zugleich sehe ich immer noch meine Frau und die Töchter, die jetzt am Ufer stehen, gestikulieren, die Münder aufreissen. Mir selbst ist es egal, dass ich sterbe. Endlich ist es zu Ende, denke ich. Aber die Kinder, die ich allein zurücklasse, tun mir unendlich leid. «Frage dein höheres Selbst, ob du diese letzten Momente noch einmal durchleben sollst», sagt Schumacher. Ich bejahe und gehe meinen Tod noch einmal durch, ganz langsam und aufmerksam, wie ein Film in Zeitlupe. Immer noch in Trance, diskutiere ich mit Schumacher dann ein paar Parallelen zwischen dem erzählten und dem jetzigen Leben. Natürlich gibt es solche Parallelen. Ich habe zum Beispiel manchmal die Fantasie, dass ich sterben und meine Kinder verwaist zurücklassen würde. Aber ist das nun die Folge meines früheren Lebens, oder habe ich umgekehrt mein «früheres Leben» entsprechend meiner jetzigen Situation, meinen jetzigen Problemen und Obsessionen fantasiert? Das ist die Frage, die ich mir vor meiner «Rückführung» stellte, und sie lässt sich auch jetzt nicht beantworten. Auch erinnere ich mich nun plötzlich, dass der Fremdenführer, der ich im früheren Leben war, auffällig einem Jungen gleicht, den ich einmal im äthiopischen Harar kennenlernte und der mich faszinierte, weil er das Geld, das er als Touristenführer verdiente, in Abendkurse investierte. Habe ich hier nicht einfach, wie das manchmal in Träumen geschieht, verschiedene Erinnerungen zu einer Story verknüpft? Aber Schumacher erwidert, dass man es auch umgekehrt betrachten könnte: Der intelligente Junge in den zerrissenen Hosen hat es mir so angetan, weil er mir meine eigene Lage in einem früheren Leben zurückrief.
Ich habe die Augen immer noch geschlossen, und in meinem meditativen Zustand sprechen wir über Ähnlichkeiten zwischen den damaligen und den aktuellen Eltern. Schumacher stellt die Frage, ob es vielleicht dieselben Menschen seien, dieselbe «Software», und ob ich mit meinem (zugleich früheren und jetzigen) Vater immer noch Konflikte des damaligen Lebens bearbeite. Schliesslich arbeitet er mit mir Kernsätze heraus, eine Art Quintessenz, die ich als Vorsatz von meiner Reise mitnehmen kann. Eine dieser «Affirmationen», wie er sie nennt, spielt auf die seltsame Gambler-Gleichgültigkeit und Abenteurer-Unverbindlichkeit an, die mich in diesem früheren Leben charakterisierte. Sie lautet: «Ich nehme das Leben als Spiel und übernehme die volle Verantwortung dafür.» Dann fordert mich Schumacher auf, die Verbindung mit den Menschen aus meinem früheren Leben zu kappen, die Schnüre durchzuschneiden, «bis zum letzten Faden». Anschliessend führt er mich ins Hier und Jetzt zurück, nach und nach, von den Fusssohlen bis zum Kopf, er zählt von eins bis zehn, und ich öffne die Augen. Ich schätze, dass die ganze Reise etwa eine Stunde gedauert hat. Aber es sind, wie mir ein ungläubiger Blick auf die Uhr verrät, mehr als vier Stunden vergangen. Allein schon für diese erstaunliche Erfahrung einer anderen Dimension, in der man sich ausserhalb des normalen Zeitgefühls befindet, hat sich das Experiment gelohnt.
|